Hochbau:
Neue Sichtbarkeit

Tiefbauunternehmung Rapp, um 1990 © Rapp Archiv
Bauarbeiten Kanalisation, Basel, um 1990 © Rapp Archiv
Hochbau:
Neue Sichtbarkeit

Was heute Realität ist, war vor dreissig Jahren kaum vorstellbar: Rapp ohne eine ausführende Tiefbauunternehmung, ohne seine grünen Bagger und Lastwagen, ohne Poliere, Maurer und Handlanger; ohne jene Tradition also, die an den Anfang dieser Geschichte zurückgeht? Dieser Gedanke war für viele kaum denkbar. Besonders schmerzhaft war er für Esther Bolliger, geborene Rapp. Doch als Verwaltungsrätin des Familienunternehmens musste sie sich mit diesem radikalen Szenario befassen. Betriebswirtschaftlich war eine Trennung spätestens um 1990 leicht zu begründen: Die Bauunternehmung war seit längerer Zeit kaum mehr rentabel, im Wettbewerb hatte sie wenig zu bieten und vor allem würde sich Rapp auf das konzentrieren können, was gut lief: Planungen für den öffentlichen Verkehr, Energiekonzepte, Dienstleistungen im Tiefbau und all das, was im Ingenieurbüro vorangetrieben worden war. Doch mit dem Gedanken an eine Trennung von der Bauunternehmung hingen starke Emotionen und alte Erinnerungen zusammen, zumal für die Familienmitglieder im Verwaltungsrat: Esther Bolliger und ihre Cousins Matthias Rapp und Peter Rapp, die gleichzeitig in der Geschäftsleitung tätig waren. Bolliger erinnerte sich in einem Interview daran, wie gerne sie als Kind an der Hochstrasse gespielt hat. Im «Hof» seien Familie und Unternehmen untrennbar verbunden gewesen. Es war ein faszinierender Ort, verwinkelt, laut und gross, Schubkarren und Materiallager standen dort, Tafeln mit dem Firmenlogo, das Haus der Grosseltern und die Pferde, die ihr Grossvater Wilhelm so gern hatte. Später, unterdessen verheiratet und als Lehrerin tätig, begleitete Bolliger ihren Vater Willi Rapp zu den Sitzungen des Verwaltungsrates. Der langjährige Leiter der Bauunternehmung hörte unterdessen nicht mehr gut, die Tochter hielt für ihn fest, was im obersten Geschäftsgremium besprochen wurde. 1972 wurde Bolliger gleichzeitig mit ihrem Cousin Matthias Rapp in den Verwaltungsrat gewählt. Mit ihrer Wahl war das Gleichgewicht der beiden Familienzweige gewahrt, vor dem Hintergrund der Schweizer Wirtschaftsgeschichte war sie bemerkenswert: Frauen waren damals kaum präsent in Verwaltungsräten. Im Verwaltungsrat vertrat Bolliger fortan die Familienseite von Willi Rapp, der besonders eng mit der Bauunternehmung verbunden war. Nun musste sich die Verwandtschaft also mit diesem gewaltigen Gedanken befassen: Rapp ohne Tiefbauunternehmung. Würde man diesen Entscheid vertreten können? Wären die Vorfahren damit einverstanden gewesen? Roch das nicht nach einem Verrat am Patrimonium?

Rapp hat 1996 die grösste Veränderung seiner Geschichte vollzogen. Genau hundert Jahre nach der Gründung von «W. & J. Rapp» stand die Firma ohne Tiefbauunternehmung da. Sie war damit eine andere Firma geworden, aber es war keine neue Firma. Die Umstrukturierung bedeutete keinen Neuanfang, sondern eine Scheidung von zwei Teilen, die sich über Jahrzehnte fremd geworden waren. Für die Ingenieure, Bauzeichner und Wärmetechniker änderte sich so gut wie nichts. Kontakte mit den Polieren oder Handlangern auf der Baustelle waren bereits vor der Trennung kaum mehr vorhanden. Wie fremd sich die beiden Teile von Rapp geworden waren, zeigt die Entwicklung des Firmennamens vielleicht am besten: 1987 trennte die Firma ihren Auftritt in «Rapp, Ingenieure + Planer» auf der einen Seite und «Rapp Bauunternehmung» auf der anderen, das Tiefbauunternehmen behielt das alte Logo, die Ingenieure bekamen ein neues. Visuell war die Trennung damit vorgezeichnet. 1990 folgte die Umbenennung der Firma von «W. & J. Rapp AG» zu «Rapp AG». Die kleine Änderung beim Namen verdeutlicht die Emanzipation von den Gründervätern, deren Initialen damit Geschichte waren. An der alten Doppelstruktur hatte Rapp festgehalten, obwohl die Probleme der Bauunternehmung seit den 1970er-Jahren offensichtlich waren. Durch den Preiszerfall sei der Tiefbau nicht mehr rentabel, hiess es bereits 1979 im Geschäftsbericht, die Bauunternehmung «komme nicht aus den roten Zahlen» sechs Jahre später. Das Ingenieurbüro dagegen verzeichnete 1985 ein «ausgezeichnetes Betriebsergebnis», wobei es mittlerweile so war, dass ein Teil des Gewinns für den Betrieb des Bauunternehmens eingesetzt werden musste. Es war der 1990 in den Verwaltungsrat gewählte Peider Mengiardi, der den Vertretern der Familie Rapp klipp und klar sagte: «Sie haben ein Problem.» Der Jurist stand an der Spitze der Schweizer Vertretung von Ernst & Young, die betriebswirtschaftlichen Risiken, die von einer unrentablen Tiefbauunternehmung ausgingen, waren für ihn auf Anhieb offensichtlich: Die Fixkosten, die der grossangelegte Werkhof verursachte, waren immens, die Einkünfte vermochten sie nicht mehr zu decken. Zumal Rapp als Bauunternehmung lediglich in der Region Basel präsent war und eine Modernisierung des Maschinenparks dringend notwendig gewesen wäre, um mit den oftmals wesentlich grösseren Konkurrenten in einen Wettbewerb zu treten. Nachdem punktuelle Zukäufe von kleineren Bauunternehmungen nicht die gewünschte Wirkung zeigten, fand Rapp Anfang der 1990er-Jahre eine Lösung des Problems. Sie bestand in einem Zusammengehen mit der Tiefbauunternehmung Glanzmann: 1992 entstand das Joint Venture Rapp Glanzmann, 1996 übernahm Glanzmann die Bauunternehmung Rapp komplett, inklusive des Werkhofs in Münchenstein. Damit stand Rapp ohne Bauunternehmung da.

Die Belegschaft von Rapp © Rapp Archiv
Arbeitszene bei Rapp Ingenieure + Planer, 1992 © Rapp Archiv
Peter Rapp, 1980er-Jahre © Rapp Archiv

Diesen Prozess hat Esther Bolliger als Verwaltungsrätin begleitet. Ihr sei klar gewesen, dass die Trennung von der Tiefbauunternehmung notwendig war, sagt sie heute. Ihren Geschwistern, die sie im Verwaltungsrat vertrat, ebenfalls. Aber: «Wir waren alle froh, dass unser Papa diesen Entscheid nicht mehr mittragen musste», so die ehemalige Verwaltungsrätin. Die Verwandlung von Rapp erklärt sie mit dem Zeitgeist: Bauen sei kritischer betrachtet worden als früher, gefragt waren «das Planen, Projektieren, die Dienstleistungen, Konzepte». Ihre beiden Cousins Matthias Rapp und Peter Rapp seien für die neue Ausrichtung der Firma eingestanden und hätten sie realisiert. Es seien unterschiedliche Typen mit verschiedenen Stärken und Interessen gewesen, aber «sie sind über die Jahre gemeinsam einen Weg gegangen», erklärt Bolliger das Arbeitsverhältnis der Brüder, die mit ihr im Verwaltungsrat sassen. «Es war beeindruckend, wie sich die beiden vertraut und wie sie zusammengearbeitet haben.» 1996 sei ein sehr ereignisreiches Jahr gewesen, erinnert sich Peter Rapp, der just damals die Geschäftsleitung von seinem Bruder Matthias übernommen hat. Der Deal mit Glanzmann war abgeschlossen und die Trennung vom Tiefbauunternehmen damit zur Realität geworden. Ihm sei in den folgenden Jahren immer wieder aufgefallen, wie stark und lange der Name Rapp in Basel noch mit den grünen Baggern, dem Lärm von Presslufthämmern oder dem Geruch von frischem Asphalt assoziiert blieb. Wofür stand Rapp nun, ohne die sicht-, hör- und riechbare Tätigkeit auf den Baustellen? Darauf haben Peter Rapp und seine Kollegen in den folgenden zwanzig Jahren Antworten gefunden. Auch für ihn sei die Trennung schwierig gewesen, sagt der ehemalige Geschäftsleiter. Aber im Rückblick sei sie dringend gewesen. Die Trennung habe dem Unternehmen «Schnauf» gegeben, um sich im Bereich der Planung stärker zu profilieren. Statt in Baumaschinen konnte Rapp nun in neue Mitarbeitende investieren und sich neue Kompetenzen aneignen. Das stärkste Wachstum erlebte Rapp in jüngerer Zeit im Bereich des Hochbaus. Tiefbau und Hochbau werden gemeinhin als Gegensätze definiert. Hier die Ingenieure, die unter und auf der Erde wirken, da die Architekten, deren Gebäude in den Himmel ragen. Die mit den Berufen verbundenen Klischees bedienten über die Jahre nicht zuletzt die Fachleute selbst. «Viele Architekten haben neben grossen künstlerischen Fähigkeiten ein etwas gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit», schrieb Hans Joachim Rapp, der Vater von Peter und Matthias, in seinen Memoiren. Neben Spott klingt Bewunderung an, vielleicht auch etwas Neid. Die Firma Rapp hatte in der Vergangenheit an Bauten mitgewirkt, die bis heute als ausserordentlich wahrgenommen werden, der Siedlung Freidorf in Muttenz etwa (1919 – 1921) oder dem Kraftwerk Birsfelden (1951 – 1954). Aber es sind Architekten wie Hannes Meyer oder Hans Hofmann, an die man sich für ihre visionären Entwürfe erinnert. Die Tiefbauer dagegen, sie wirkten im Hintergrund. Ihre Werke sind oft unscheinbar, meist versinken sie buchstäblich im Untergrund. Unter der Leitung von Peter Rapp, einem gross gewachsenen Bauingenieur mit einem Faible für Sprache und Zahlen, wagte das Unternehmen schliesslich auch den Schritt zur Architektur. Eine Disziplin also, die nicht nur sein Vater, sondern wohl auch er und seine Studienkollegen an der ETH als etwas wenig Handfestes bespöttelt haben. Nach dem Diplom 1970 arbeitete Peter Rapp über zehn Jahre ausserhalb von Basel, unter anderem für ein Ingenieurbüro in Lausanne und die Zürcher Verkehrsbetriebe. 1981 trat er in das Unternehmen seiner Familie ein, das sein älterer Bruder Matthias seit fünf Jahren führte. Bereits damals plante Rapp vereinzelt Hochbauten, in erster Linie Lagerhallen und Kühlhäuser. Es waren Werke ohne hohen künstlerischen Anspruch, technische Lösungen, fast ausschliesslich für Stammkunden der Industrie. Das blieb im Grundsatz ähnlich, als Rapp 1987 für den Hochbau eine eigene Abteilung mit einer Handvoll Mitarbeitenden bildete. Im folgenden Jahr wurden CAD-Stationen des Systems Speedikon angeschafft, erst 10 Prozent aller Planungsbüros in der Schweiz zeichneten damals Pläne digital. Mithilfe des CAD (Computer-aided Design) planten «die Hochbauer», wie sich die Kolleginnen und Kollegen untereinander etwas verstohlen nannten, weiterhin zweckdienliche Gebäude für Kunden von Rapp, darunter Fabrikgebäude, Parkhäuser oder die Restaurants mit Drive-in, die McDonald’s in Allschwil, Füllinsdorf und Münchenstein eröffnete. Nach aussen durfte die Tätigkeit im Hochbau nicht zu sehr auffallen, denn die Architekten in der Region Basel sollten Rapp weiterhin als verlässlichen Partner im Tiefbau wahrnehmen, nicht aber als direkten Konkurrenten.

Gebäude von Frank O. Gehry auf dem Novartis-Campus, General­planung Nissen Wentzlaff / Rapp Arcoplan, 2010 © thomasmeyerarchive.de
Visualisierung Ersatzneubau Kantonsspital Winterthur, Rapp in Gemeinschaft mit Butscher Architekten, 2019 © DUNEDIN ARTS, Zürich

Mit der Entstehung des quasi undercover arbeitenden Hochbaubüros waren die ersten Architekten zu Rapp gekommen, gleichzeitig aber auch weitere Fachspezialisten wie Umweltingenieure, Geografinnen oder Informatiker. Das verbreiterte Berufsspektrum war eine Reaktion auf die wachsende Komplexität, die das Bauen in der Schweiz mit sich brachte. Das Ziel, das Peter Rapp ab 1996 verfolgte als Geschäftsleiter, war eine integrale Planung. Rapp sollte möglichst alle Aspekte abdecken, die in der Gestaltung der gebauten Umwelt gefragt waren. Damit reagierte er auf eine Marktsituation, die eine Fachstudie wie folgt umriss: «Von der Bauwirtschaft ist eine Denkweise gefragt, in deren Mittelpunkt die ganzheitliche Betrachtung von Umfeld, Bauwerk und Bauprozess steht.»

Die Veränderungen in der Bauwirtschaft sind eng mit dem Wandel von einer Industriegesellschaft zu einer Wissensgesellschaft verbunden. Seit den 1970er-Jahren wanderten die Produktion und die damit verbundenen Jobs zunehmend ab aus der Schweiz. Im Bereich von Dienstleistungen, Forschung und Technologie hat sich die Wirtschaft gleichzeitig stark entwickelt. Exemplarisch für diesen Prozess steht die Geschichte des Lifesciences-Konzerns Novartis, der 1996 durch die Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz entstanden ist. Der bis dahin weltweit grösste Firmenzusammenschluss schuf neue Verhältnisse in Basel. Auch in der Firmengeschichte von Rapp symbolisiert er einen Wendepunkt. Auf keinem Stück Erde hatte die Firma Rapp öfter gewirkt wie auf dem prädestinierten Hauptsitz von Novartis, dem ehemaligen Sandoz-Areal an der Grenze zu Frankreich. Hier verdeutlichten sich in den folgenden Jahren viele Entwicklungen, darunter die Deindustrialisierung, die gesteigerte Komplexität des Bauens, der Werbeeffekt von Architektur. Und ferner auch die Neupositionierung von Rapp. Wo einst Fabrikhallen und Schlote standen, ist ab 2003 der Novartis-Campus entstanden. Der Masterplan dazu stammt von Vittorio M. Lampugnani, die Namen von Stararchitekten wie SANAA, David Chipperfield oder Tadao Ando zieren die Gebäude. Wo früher Industrie war, liegt heute der «Campus des Wissens». Rapp hat daran mitgewirkt, die Kenntnisse um die Baugeschichte des Areals waren die Empfehlung dazu. Viele Planungen betrafen den Tiefbau, also die historische Kernkompetenz der Firma, darunter die Umleitung der Hüningerstrasse oder die Bodensanierung beim ehemaligen Hafen St. Johann. Aber der Novartis-Campus bot Rapp auch die Gelegenheit, in bislang fremden Feldern wichtige Erfahrungen zu sammeln, etwa im Rahmen der lauschig grünen «Landscape» von Peter Walker oder des eigenwilligen Wurfs von Frank O. Gehry.

Wohnsiedlung am Kohlistieg in Riehen, Entwurf und Fach­planungen durch Rapp, 2017 © Daniel Erne, Horgen
Wohnsiedlung am Kohlistieg in Riehen, Entwurf und Fach­planungen durch Rapp, 2017 © Daniel Erne, Horgen
Innenansicht Transitlager in Münchenstein, seit 2016 eine Zweigstelle von Rapp © Rapp Archiv © Andor Geller

Der Novartis-Campus ist als Parklandschaft angelegt. Urheber der «Landscape» war der berühmte Landschaftsarchitekt Peter Walker, dessen Pläne unterzog Rapp einer Machbarkeitsstudie, später übernahm die Firma für weite Teile der Umsetzung die Bauleitung. Der Kontakt mit dem Büro von Walker war rege, wie sich Rolf Scherb erinnert. Zwischen Basel und Berkeley wurde telefoniert, gefaxt und korrespondiert, alle paar Monate kamen die Designer aus Kalifornien für Meetings in die Schweiz. In der Karriere des Rapp-Mitarbeiters bildete das Areal im St. Johann den Anfang und das Ende: Erstmals arbeitete Scherb 1971 als Bauleiter in der Industriezone von Sandoz, mit dem Grossprojekt der «Landscape» des Novartis-Campus beendete er seine Berufslaufbahn als Teamleiter. Der «Blickfang» des Novartis-Campus sei die «Wolke» von Frank O. Gehry, hat die «Neue Zürcher Zeitung» 2010 geschrieben. Rapp hat als Generalplaner in Arbeitsgemeinschaft mit dem Architekturbüro Nissen & Wetzlaff massgeblich mitgewirkt bei der Realisierung des «weich in die Luft gezeichneten Bürohauses» (NZZ). Auch in Basel experimentierte Gehry mit Formen und Materialien, folgte der Philosophie der Dekonstruktion, suchte die Grenze zur Kunst. «Verrückter kann man kaum mehr bauen», befindet Peter Rapp. Die Mitarbeit in der vierköpfigen Projektleitung sei für ihn eine «Feuertaufe» in Architektur und Hochbau gewesen. Als Präsident der Sektion Basel des Vereins der Schweizerischen Ingenieure und Architekten (SIA), hatte er beide Seiten des Bauwesens vertreten, doch seine Firma stand bis anhin eindeutig für das Ingenieurwesen, nicht für Architektur. Die Vorbehalte gegenüber den Architekten hatte der diplomierte Bauingenieur abgelegt. Peter Rapp faszinierten die unzähligen Erscheinungsformen der Architektur und das Streben nach einer hohen Form der Ästhetik. Das Gehry-Projekt war über den Kauf der Firma Arcoplan zu Rapp gekommen. Die Akquisition von 2006 war Teil der Expansionsstrategie, die Peter Rapp als Geschäftsleiter verfolgte. Neben der auf Architektur und Generalplanungen spezialisierten Arcoplan hat Rapp auch die Ammann AG (Vermessung, 2001), Burger & Partner (Tragwerke, 2009), OTB (Industrieplanung, 2009), Toffol Partner AG (Architektur, 2011) und gb consult (Gebäudetechnik, 2013) übernommen und integriert. Die Expansion drückt sich in Zahlen aus: Im 21. Jahrhundert ist Rapp von 210 auf rund 450 Mitarbeitende gewachsen, der Umsatz hat sich mehr als verdoppelt, 2019 lag er bei 74 Millionen Schweizer Franken. Als wegweisenden Schritt bezeichnet Peter Rapp die Reorganisation der Firma, die Anfang 2003 in Kraft trat. Rapp gab sich eine neue Struktur, wurde zur Holding und verlegte alle operativen Tätigkeiten in vier Betriebsgesellschaften: Rapp Infra AG (Tiefbau), Rapp Trans AG (Mobilität), Rapp Wärmetechnik AG (Energie) und Ammann AG (Vermessungen), dazu wurde Rapp Services etabliert, eine gemeinsame Gesellschaft für Administration, Buchhaltung, Marketing und andere Dienstleistungen. Mit der Reorganisation wurde das 1992 etablierte Partnermodell stark ausgeweitet. Um die Beteiligung der leitenden Angestellten zu fördern, können Partnerinnen und Partner Aktien ihrer Betriebsgesellschaften zu vorteilhaften Konditionen beziehen. Heute halten sie bis zu 49 Prozent der Betriebsgesellschaften der Rapp Gruppe. Die 2003 gegründete Holding beansprucht die Aktienmehrheit. Sie befindet sich weiterhin in klarem Mehrheitsbesitz der Familie Rapp. Die operativen Betriebsgesellschaften folgen einer übergeordneten Strategie, sollen sich aber auf ihren Geschäftsfeldern weitgehend autonom entwickeln können, zumal sie sich teilweise auf sehr unterschiedliche Märkte ausrichten. Mit der Expansion sind zu Rapp Trans, Rapp Enserv (ehemals Rapp Wärmetechnik) und Rapp Infra, wo inzwischen das Vermessungswesen (ehemals Ammann) integriert ist, drei neue Betriebsgesellschaften dazugekommen: Rapp Gebäudetechnik, Rapp Industrieplaner und Rapp Architekten. Letztere wuchs in den vergangenen Jahren am stärksten. Mit der Zuwendung zum Hochbau und zur Architektur hat Rapp an Sichtbarkeit gewonnen.

Die Rapp Architekten AG beschäftigt etwa 80 Personen und zählt damit zu den tragenden Säulen der Firma. Sie ist im Transitlager in Münchenstein domiziliert, einem Bau des dänischen Architekten Bjarke Ingels. Seit der Eröffnung mietet Rapp zwei Geschosse mit 3000 Quadratmetern. Ohne Wände arbeiten dort knapp 200 Menschen miteinander, neben Architektinnen und Zeichnern auch Industrieplaner, Bauingenieurinnen oder Gebäudetechniker. Sie decken praktisch alle Bereiche des Hochbaus ab: Generalplanung, Baumanagement und Baulogistik, Städtebau, Tragwerksplanung, alle Sparten der Gebäudetechnik, Brandschutz, Bauphysik und auch den gestalterischen Entwurf, die eigentliche Königsdisziplin der Architektur. Zu den Wettbewerben, die Rapp gewonnen hat, zählen der Ersatzneubau des Kantonsspitals Winterthur (Wettbewerb 2010, Planung und Realisierung 2011 – 2021, in Gemeinschaft mit Butscher Architekten), der Neubau für die Primeo Lernwelt Münchenstein (2019, 2020 – 2022) oder die Wohnüberbauung am Kohlistieg (2012, 2013 – 2017). Der Leitgedanke für die Gestaltung dieser Siedlung in Riehen bei Basel waren Blüten, entstanden sind acht radial aufgebaute Baukörper, deren Grundrisse sich spiegeln und drehen. Rapp realisierte in diesem Projekt ein Ideal: Vom Entwurf über die Fachplanungen bis zur Bauleitung stammt alles «aus einer Hand». In den vergangenen Jahren realisierte Rapp eine Reihe von prestigeträchtigen Projekten im Hochbau. So etwa die Sanierung der Siedlung Hammer II, einer Bauikone der 1980er-Jahre von Diener & Diener (2017 – 2020), oder verschiedene Generalplanungen in Kooperation mit Herzog & de Meuron, einem der berühmtesten Architekturbüros der Welt, darunter das Naturbad Riehen (2007 – 2014) oder der Campus der Helvetia Versicherungen in Basel (2014 – 2023). Den Wettbewerb für die Bebauung der letzten Landreserve des Unispitals Basel hat die Planergemeinschaft Herzog & de Meuron / Rapp 2019 gewonnen. Dort stehe «ein spektakulärer architektonischer Wurf» bevor, kommentierte das Webportal Architektur Basel. Rapp bewegt sich heute auch auf dem Feld der Architektur auf einem hohen Niveau. Eine der Repräsentantinnen dieser Entwicklung ist Margot Meier, die 1998 in die damals kleine Hochbauabteilung von Rapp eingetreten ist. Die Architektin ist Mitglied der Geschäftsleitung von Rapp Architekten, seit 2017 ist sie Präsidentin der Sektion Basel des SIA. Damit trägt Meier im führenden Verein der Ingenieure und Architekten ein Amt, das einst auch Peter Rapp innehatte. Peter Rapp hat die Geschäftsleitung 2010 abgegeben, im Alter von 71 Jahren ist er 2017 aus dem Verwaltungsrat geschieden und wurde dabei zum Ehrenpräsidenten ernannt. In der Firma seiner Familie hat der Bauingenieur den Tiefbau und den Hochbau schrittweise zusammengeführt. Den Mitarbeitenden ist er als wertschätzender Chef in Erinnerung geblieben. Er sei für sie eingetreten, habe auch die nicht vergessen, die mit der dynamischen Transformation ihre Mühe hatten. Heute ist es schwer vorstellbar, dass Rapp einst eine Bauunternehmung mit Dampfwalzen, Baggern und Frontladern war. Seit 1996 ist Rapp ein reines Planungs- und Dienstleistungsunternehmen. Die Kompetenzen der Rapp Gruppe umfassen Planungen von Infrastruktur, Umwelt und Industrie, Gebäudetechnik und Energiemessungen, Konzepte der Mobilität, Architektur, Baumanagement und Städtebau. Mit der Verbreiterung des Angebots war das Ideal einer integralen Planung verbunden. Als vielversprechender Ansatz gilt bei Rapp das Building Information Modelling (BIM), eine Methode zur digitalen Vernetzung von verschiedenen Fachplanern. Wie Rapp seine Kunden von der Projektierung über die Ausführung bis zur Bewirtschaftung begleiten kann, evaluiert seit 2018 die Fachgruppe BIM, in der alle Betriebsgesellschaften vertreten sind. Dabei arbeiten Informatiker und Umweltwissenschaftlerinnen Seite an Seite mit Ingenieurinnen und Architekten. In der digitalen BIM-Methode vereinen sich ihre Planungen zu einem Modell der bebauten Umwelt. Der altbekannte Gegensatz von Tiefbau und Hochbau ist damit überholt, die Klischees der schöngeistigen Architektin und des technisch überlegenen Ingenieurs ebenfalls. Integrale Planung basiert auf der Zusammenarbeit verschiedener Fachkräfte. Diesem Ziel gibt der 2019 gefasste Slogan Ausdruck: «One Rapp».

Hochbau